Unsere Bewohner*innen: Christian Kraft

Am Valentinstag haben meine Hausmitbewohner und ich die Nachricht bekommen, dass unser Haus verkauft wurde und die Stadt nun prüft, das Vorkaufsrecht zu ziehen, weil unser Haus im Milieuschutz liegt. Die Nachricht hat mich sehr aufgewühlt … und unsere ganze Nachbarschaft!

Milieuschutzgebiet!

Das Wort beschreibt treffend, was mein Zuhause für mich hier bedeutet, im Kleinen, wie im Großen!

Im Kleinen ist meine Wohnung ein Rückzugsort. Ich setze mich auf den Fussboden und spüre, wie ich ruhig werde, wie ich vom Kopf in den Körper komme und mich fühle. Wie der Alltag und alle Gedanken langsam abfallen und ich hier in meiner Wohnung und im Jetzt ankomme. Hier habe ich Raum, mich mir selbst bewusst zu werden, und dies ist sehr essentiell für mich.

Ich bin in Verhältnissen aufgewachsen, die durch Unsicherheit, Chaos und fehlendem Rückzugsort gekennzeichnet waren. Im tatsächlichen wie im emotionalen Sinne. Dies hat mich tief geprägt. In der Elsenstr. 75 habe ich zum ersten Mal mein Zuhause gefunden! Hier fühle ich mich zu Hause, sicher, geborgen, frei und lebendig! Und wenn mich jemand fragt: “Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?” so antworte ich: “Ich lebe!” Der Verkauf der Wohnung und die damit verbundene Ungewissheit, was wird, löst in mir eine große Unsicherheit aus.

Das Große beginnt gleich von meiner Wohnungstür. Hier im Haus wohnen Freunde, mit denen ich schon viele Jahre meines Lebens teile. Und ein gemeinsames Zuhause zu haben, in dem wir uns gegenseitiges besuchen und Momente miteinander teilen, ist für mich sehr wichtig. Sie sind für mich Lieblingsmenschen geworden. Und dies, aufgrund äußerer Umstände, verlieren zu können, macht mir Angst … und würde mich tief verletzen.

Und meine anderen Nachbaren, was sind wir alle für verschiedene Menschen! Ein wahres Milieu! Ein offenes Haus, indem man sich Dinge ausleiht, mit Frühstück versorgt wird, wenn man selbst nicht dazu kommt, die Blumen gießt, Lampen austauscht, Einkäufe hochträgt, wenn es anderen ein Hilfe ist. Kinder, junge und ältere Leute! Und gerade jetzt zeigt sich eine sehr große Offenheit, Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung. Der Austausch im Treppenhaus, auf dem Hof, das Zuhören, die Umarmungen, das Lachen und Weinen miteinander. Dies empfinde ich als ein sehr großen Reichtum, was schützenswert ist!

Das ist unser Milieu: verbunden mit dem Haus, verbunden mit der Straße, verbunden mit dem Kiez, verbunden mit der ganzen Stadt!

Dieses besondere Milieu, dieses tatsächliche und emotionale Zuhause verlieren zu können wirkt bedrohlich. Und deshalb engagieren wir uns – gemeinsam mit dem Bezirksstadtrat Jochen Biedermann und Co.

Ich bitte um Unterstützung durch die städtischen Wohnungsgesellschaften und Genossenschaften! Zieht das Vorkaufsrecht für die else 75! Zieht das Vorkaufsrecht für uns Menschen, die in dieser Stadt leben.

Schaut auf diese Stadt, auf dieses Haus!

Christian Kraft

Fotos: Max Merz

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Demo gegen Verdrängung

Einige unserer Bewohner*innen waren gut ausgestattet mit Flyern, Plakaten und einem großen Transparent unterwegs auf der Interkiezionale Demo gegen Verdrängung. Wir möchten wie alle anderen aus Neukölln von Verdrängung Bedrohten in unserem Haus bleiben und dafür waren wir auf der Straße.

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Unsere Bewohner*innen: Sabrina und Khai

Unser Haus ist ein einfaches Berliner Mietshaus mit vier Etagen – bis zum letzten Jahr beton-beige und von außen absolut unscheinbar. Plötzlich und über Nacht fand letztes Jahr eine Fassaden-Sanierung des Vorderhauses statt. Die gesamte Häuserfront zur Straßenseite wurde über die Sommer- und Herbstmonate mit Planen verhangen. Nach Monaten ohne Sonne im Wohnzimmer kam ein in neuem Glanz erstrahlter Neuköllner Altbau zum Vorschein. Die Sanierung war nur oberflächlich – das erkennt man von der Straße nicht, das wissen ja nur die Mieter. 

Wir gehören zum Kreis dieser Mieter. Zusammen mit unseren beiden Jungs – einer zwei Jahre alt, der andere gerade frisch auf der Welt. Die Wohnung im Vorderhaus ist unsere erste gemeinsame Wohnung, nach der wir sehr lange gesucht haben. Die Wohnsituation in Berlin ist nicht erst seit gestern so, wie sie ist. Ob Glück oder Zufall – wir haben unsere Traumwohnung gefunden und sie war vor drei Jahren der Ausgangspunkt für unser gemeinsames Abenteuer Familie. Eine Wohnung mit einem eigenen Zimmer für die beiden Kinder, eine Wohnung, die es uns beiden finanziell erlaubt, Elternzeit zu nehmen und – so lange die Kinder noch klein sind – in Teilzeit zu arbeiten.

Die Wohnung ist unser Zuhause, hier fühlen wir uns wohl, wir leben gern hier. Der bisherige Besitzer hat über die Jahre nur das Nötigste in unser Haus investiert. Uns hat das nicht gestört, die Miete war dafür ja entsprechend niedriger, und so haben wir – wie viele andere Parteien auch – immer wieder selbst angepackt, Böden geschliffen, Türen gestrichen und was man eben so macht, um sich die eigenen vier Wände gemütlicher zu machen. In unserer Wohnung steckt sehr viel Herzblut.

Unsere Nachbarn sind bunt gemischt – Rentner, Studenten, Selbstständige, Singles, Familien. Wer ein Buch gelesen hat, legt es in den Hausflur und ein anderer freut sich darüber. Wir leihen uns Milch, verleihen Küchengeräte und freuen uns, dass sich keiner über Kinderlachen beschwert.

Unser Großer weiß, wer hinter welcher Haustür wohnt. Er hat hier im Hof gelernt, Laufrad zu fahren, sein Lieblingsspielplatz (mit Bolzplatz!) liegt ums Eck. Wir gehen hier in die nahegelegene Bibliothek, ins Schwimmbad und haben viele soziale Kontakte hier im Kiez. Wir sind hier fest verwurzelt und können uns keinen besseren Platz für uns als Familie vorstellen.

Bitte helft uns, unser Zuhause zu erhalten!

Sabrina und Khai

Fotos: Max Merz

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Unsere Bewohner*innen: Gabi Gerlach

Mein Name ist Gabi Gerlach und ich lebe seit 1995 in der “Else”. Schon damals wurde das Haus von seinen Bewohnern liebevoll “die Else” genannt. Und viele von ihnen wohnen auch heute noch hier. Ich habe vor 24 Jahren aus beruflichen Gründen mein damaliges Zuhause in 600 km Entfernung aufgeben müssen, Familie und Freunde zurück gelassen.

Und damals bei der Wohnungsbesichtigung beim Blick aus dem Fenster in den Hinterhof mit dem großen Nussbaum wusste ich, hier oben im 4. Stock habe ich mein neues Nest gefunden.

Die Else ist nicht das schönste Haus, aber ich liebe es und es ist mein Zuhause und ich möchte nicht noch einmal mein Zuhause verlieren. Und ich sehe hier so viele Menschen, denen es genauso geht und die sich nicht nur untereinander unterstützen, sondern sich auch gemeinsam für dieses Haus, unsere Else, einsetzen.

Denn wir lieben unsere “Else”.

Mit freundlichen Grüßen

Gabi Gerlach

Fotos: Max Merz

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Unsere Bewohner*innen: Carina und Marcus

Wir sind Marcus und Carina und werden im August dieses Jahres zum ersten Mal Eltern.

Ich Marcus, lebe nun schon 17 Jahre in der Elsenstr.75. 17 Jahre, ich finde dies sollte eigentlich genügen, hier könnte mein Brief schon enden.

Mit 27 Jahren bin ich hier eingezogen. Ich habe hier gelebt, geliebt, habe hier Träume verwirklicht und Träume begraben. Gelebt mit Freunden, Bekannten und Fremden. Die vielleicht bisher intensivste Zeit meines Lebens.

Erst letztes Jahr machte mein mehr als 10 jähriger Arbeitgeber, die Bar Babette in der Karl-Marx-Allee dicht. Der RBB berichtete davon. Die Gründe waren damals ähnlich wie die, die nun auch unser Haus in der Elsenstraße betreffen. Gentrifizierung hat mir nicht nur meinen Arbeitsplatz gekostet, sondern bedroht nun auch noch mein Zuhause.

Ich Carina, bin nun, als wohl erstmal letzte „Mitbewohnerin“, in dieses wohlige Zuhause mit eingezogen. Schon Jahre vorher bin ich hier stets ein- und ausgegangen, habe hier Menschen kennengelernt und die Gemeinschaft wachsen gesehen. Es bedeutet für mich ein riesen Glück hier gelandet zu sein und nach vielen Ortswechseln endlich hier in der Elsenstraße mein wahres Zuhause gefunden zu haben!

Seit knapp anderthalb Jahren leben wir nun hier als Paar zusammen. Seit 4 Monaten wissen wir, dass wir ab Spätsommer zu dritt sein werden. Wir haben uns entschieden, dass unser Kind hier im Haus auf die Welt kommen soll – in bisher noch sicherer und geborgener Umgebung, in seinem Zuhause.

Gerade jetzt, in der Zeit, in der man ein Zuhause für einen kleinen Menschen schaffen möchte, muss man um das Eigene bangen – kein guter Start für eine werdende Familie. 

Carina und Marcus

Fotos: Max Merz

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Unsere Bewohner*innen: Julia Leverkus

Seit fast 10 Jahren wohne ich nun schon in der ELSE 75.  Und ich LIEBE es hier zu wohnen. Ich liebe die Vielfalt hier, aber auch das friedvolle Miteinander. Ich arbeite als Sozialpädagogin mit Menschen die psychisch und /oder körperlich behindert sind. Dieser Job ist oft eine ziemliche Herausforderung. Umso wichtiger ist für mich ein erholsames Wohnumfeld. Hier ist es ruhig und friedlich. Wenn man Bedarf hat nach Kontakt, oder bei irgendetwas Hilfe braucht, klingelt man einfach beim Nachbarn. Wenn man Ruhe braucht, wird man auch in Ruhe gelassen. Hier fühle ich mich sicher und geborgen.

Seit uns mitgeteilt wurde, dass das Haus verkauft wurde, spüre ich allerdings eine große Veränderung hier im Haus. Viele der Mieter/innen und auch ich haben Angst, weil sie absolut nicht wissen, wie es weitergehen soll. Angst davor, dass wir als tolle Hausgemeinschaft auseinandergerissen werden. Angst davor, was mit unserem Zuhause nun in Zukunft passieren wird. Angst davor, ob wir es uns in Zukunft überhaupt noch leisten können, hier zu wohnen. Das wir nicht nur unsere Wohnungen verlieren, sondern auch aus diesem Kiez hier wegziehen müssen.

Es wäre toll und wünschenswert einen Hausbesitzer zu haben, der in erster Linie an dem Wohl und dem Erhalt des Hauses und der Hausgemeinschaft interessiert ist und nicht einen, der dieses Haus gekauft hat, um möglichst viel Profit damit zu machen und dem die Mieter egal sind.

Mir sind meine Nachbarn hier sehr ans Herz gewachsen. WIR SIND, mit all unseren Unterschieden, DER KIEZ!  WIR SIND ELSE75.

Dieses Haus hat eine Seele und diese Seele, die sind wir.

Julia Leverkus

Fotos: Max Merz

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Bewohner*innen-Treffen

Gestern haben wir uns schon zum zweiten Mal bei Snacks und Bier getroffen, die aktuellen Ereignisse Revue passieren lassen und Pläne für Aktionen und Events geschmiedet. Es ist schön zu sehen, wie solche Gegebenheiten zusammen schweißen und den Mut entstehen lassen, für unser Haus zu kämpfen. Andererseits bereitet uns allen die Ungewissheit wie es weitergeht auch gehörig Angst.

Nichtsdestotrotz haben wir für die Nahe Zukunft ein Hoffest geplant und werden darüber natürlich informieren, wenn es genaueres zu berichten gibt. Einige unserer Bewohner*innen werden auch auf der Interkiezionale anzutreffen sein. Ihr erkennt sie an dem Eichhörnchen-Plakat! Außerdem planen wir Flyeraktionen in der Nachbar*innenschaft, um diese zu informieren und solidarische Nachbar*innen zu animieren mit uns zu kämpfen. Am Sonntag findet auch wieder gemeinsames malen und basteln von Plakaten statt. Interessierte sind herzlich eingeladen sich vor Ort ein Bild zu machen und uns Bewohner*innen persönlich kennen zu lernen und Fragen zu stellen.

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Unsere Bewohner*innen: Markus Kintscher

Nach meinem Studium bin ich sofort nach Berlin gezogen. Hier in der Elsenstraße wohne ich seit 1996. Eine gefühlte Ewigkeit. Anfangs war die Wohngegend hier recht öde und ein wenig ab vom Schuss. Was aber von Anfang an stimmte, war die Hausgemeinschaft. 

Wenn man so lange in einem Haus wohnt, kennt man doch sehr viele der Mitbewohner. Insbesondere durch die Hoffeste gab es immer wieder persönliche Begegnungen. Gegenüber z.B.  wohnte lange Zeit eine ältere Dame, Frau Dorow. Sie war ein echtes Berliner Original und wusste alles über das Haus und seine Bewohner. Die haben sich mit der Zeit auch ziemlich verändert. Viele Ältere, wie auch Frau Dorow, sind gestorben, Jüngere sind nachzogen.

Berlin ist mittlerweile meine Heimat und die Elsenstraße mein Zuhause. Da ich viel unterwegs bin, ist meine Wohnung Ankerplatz und Rückzugsort. Das Haus ist sehr ruhig und die Mitbewohner pflegen ein gutes Miteinander.

Mit dem Verkauf des Hauses befürchte ich einen Ausverkauf des Hauses. Ein privater Investor will natürlich eine möglichst hohe Rendite erwirtschaften- aber dafür ist ein großer Teil der Mieterschaft wirtschaftlich nicht gut genug aufgestellt. Die würden aus dem Haus verdrängt werden und das möchte hier keiner.

Markus Kintscher

Fotos: Max Merz

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